Unser Dorf

Unser kleines Dorf hiess damals noch Anspach und hatte ca. 3000 Einwohner.
Ich weiss nicht, ob das zu meiner Kindheit wirklich so viele Menschen waren.
Das kann ich mir gar nicht vorstellen denn ich glaube fest, dass ich alle im Ort
gekannt habe.
Damals gab es noch keinen einzigen Traktor. Könnt ihr euch so etwas vorstellen?
Die schweren hölzernen Leiterwagen wurden von Ochsengespannen durch den Ort,
auf die Felder gezogen. Damals konnte man auf der Bahnhofstraße, welche auch die Hauptstrasse war, noch richtig spielen.
Wenn da einmal ein Auto kam, tuckerte es gemütlich die Strasse entlang.
Zeit genug, um zu Seite zu treten, nicht in Panik zu geraten, um zu rennen.
Den Ort, den wir als Kinder nicht oft genug aufsuchen konnten, war das kleine Kaffee Merkel.
Ich denke, wir konnten ziemlich hartnäckig betteln, um einen Groschen zu bekommen.
Dort gab es das leckerste Eis der Welt, jedenfalls für uns Kinder.
Nicht immer hatten Alle Glück, einen Groschen zu ergattern und doch rannten wir gemeinsam los. Wir hofften, dass Onkel oder Tante Merkel gut gelaunt waren, denn dann gab es ob mit oder ohne Groschen Eis für alle.
Wir im Dorf waren alle eine grosse Familie. Wenn wieder mal „der Klapperstorch“ ein Baby bringen sollte, kam unsere alte Hebamme oder Gemeindeschwester auf dem Fahrrad.
Die Frauen versammelten sich meist vor der Hoftür, um ja den ersten Schrei nicht zu verpassen.
Schlimm war es wenn die schwarze Kutsche mit den weissen Gardinen, gezogen von zwei
rabenschwarzen Pferden, durch die Strasse zum Friedhof hinauf fuhr.
Jeder, der nicht auf dem Feld beschäftigt war, gab dem Verstorbenen die Ehre, ihn bis zur
Leichenhalle zu begleiten.
Auch wurden natürlich Hochzeit gefeiert. Das Brautpaar musste einmal durch das ganze Dorf laufen, um die wartenden Gäste einzusammeln. Das war vielleicht ein langer Zug, der dann in unserer Kirche ankam.
Egal was geschah, man freute, lachte und weinte miteinander. Man tauschte Eier gegen Wurst
oder Obst gegen Kartoffeln. Niemand musste Angst haben alleine zu sein. Jeder trug ein Stück Verantwortung.
Während ich das heute schreibe, stehen wirklich Tränen in meinen Augen.
Wir hatten sie, diese Vorbilder, die man als Kind so nötig braucht, um erwachsen zu werden.
Damals kam es mir so vor, als würde das Dorf mit mir zusammen immer ein Stückchen wachsen. So war es auch. Nur immer hübsch der Reihe nach.
Vieles würde sonst an schönen Geschichten verloren gehen wie z. B. diese hier.....

 

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